24.03.10 Von Schweinen, Hunden und Pferden

Der innere Schweinehund ist in Bestform – und er will, dass Sie Ihre Probleme weiter aufschieben.

Zum guten Schluss habe ich mal wieder gespürt, welche Macht der innere Schweinehund über uns hat: Neulich war ich beim Hausarzt – der auch Dia­betologe ist –, sitze im Wartezimmer, tauche tief ein in meine Zeitschrift und die Schicksale blaublütiger Damen und Herren und folge gleichzeitig den Gesprächen um mich herum. Es geht um gezerrte Sehnen, Probleme mit der Blase, Erkältungen.

Ein alter, schlaksiger Mann sitzt mir schräg gegenüber. Eine Frau will nur ihre Jacke holen und erkennt in ihm ihren Nachbarn. Man grüßt sich, kommt ins Gespräch. „Wegen dem Diabetes hab’ ich jetzt ganz schlimme Füße“, erzählt er. „Eigentlich müsst’ ich ins Krankenhaus, aber das will ich auf keinen Fall. Deshalb probieren wir’s noch mal so.“ Die Nachbarin: „Ja, du müsstest halt auch ein bisschen mehr auf deine Ernährung achten.“ Er: „Nein, der Doktor meint, die wär’ in Ordnung. Aber ich hab’ halt nur einmal am Tag Insulin gespritzt, und ich hätt’ viermal spritzen sollen.“

Selber schuld, denke ich. Warum hat er denn nicht oft genug gespritzt? Man kann doch wohl viermal am Tag an so etwas Wichtiges denken! Die beiden unterhalten sich weiter. Er hatte in den letzten Wochen viel zu tun auf dem Hof, mit den Pferden. Das war für ihn wichtiger, als sich um seinen Diabetes zu kümmern.

Auf einmal kann ich ihn gut verstehen, denn oft genug schiebe auch ich das wirklich Wichtige auf, weil es mir gerade lästig ist. Und das Schlimme ist: Eigentlich ist mir das auch noch voll bewusst. Aber die negativen Folgen sind ja noch so weit weg … Und es ist für mich viel leichter, das wirklich Wichtige vor mir selbst zu verstecken, als gegen den mächtigen inneren Schweinehund zu kämpfen.

Meine Empörung über den alten Mann in den weiten Arbeitshosen ist verschwunden – auch sein innerer Schweinehund war gut in Form. Jetzt müssen seine Füße heilen. Und er muss sich überlegen, was ihm wirklich wichtig ist. Ich tippe mal: seine Pferde! Der innere Schweinehund frisst Lebensqualität und Lebenszeit und gehört sofort vom Hof gejagt, am besten mit einem kräftigen Tritt, damit er ja nicht wiederkommt. Und es lohnt sich bestimmt, die Kraft dafür einzusetzen.

Ich denke noch einmal an meinen inneren Schweinehund, an verpasste Gelegenheiten, aufgeschobene Probleme. Ich habe Glück und keine wunden Füße. Vielleicht ist es so: Je kleiner die Probleme sind, desto mehr Macht hat der innere Schweinehund.

 

Der Autor: Alex Adabei hat viele Bekannte und Verwandte mit Typ-2-Diabetes und schreibt für die Diabetes-Journal-Rubrik "Zum guten Schluss".

Kommentar

Linus Theilacker - 30.03.10 10:34

Es ist für mich undenkbar, meinen Diabetes ohne Messtreifen auf normalnahe Werte zu halten (HBa1C 6.4). Linus

Elke Zumtobel aus Freiburg - 28.03.10 09:38

Ich bin der Meinung, dass Diabetiker auch ohne Insulin zu spritzen weiterhin ihre Messstreifen zur Blutzuckerkontrolle brauchen, denn auch sie können in eine Unter- oder Überzckerung fallen.

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