27.01.2012 Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?

Ein neues Kürzel geistert durch die deutsche Landschaft:
„AMNOG“ – Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz. Tolles Wort und eine der ersten Glanzleistungen, die die schwarz-gelbe Regierung auf den Weg brachte. Was verbirgt sich dahinter? Im Prinzip nichts anderes als ein neuer Versuch, die Kosten im Arzneimittelmarkt zu begrenzen und die weitere Kostenexplosion zu verhindern. In dem durch das AMNOG geregelte Verfahren durchlaufen neue Arzneimittel, nachdem sie geprüft und für den medizinischen Einsatz zugelassen wurden, ein neues Verfahren zur Kostenfindung. Für die Arzneimittel muss nun nachgewiesen werden, dass sie einen mehr oder minder großen Zusatznutzen im Vergleich zu bisherigen, bereits auf dem Markt befindlichen Medikamenten bieten. Je geringer der Zusatznutzen ist, desto geringer ist auch der Preis, den der Arzneimittelhersteller für das neue Präparat ansetzen darf.
Dabei ist es recht schwierig, einen Zusatznutzen zu beweisen – und der Beweis hängt natürlich von vielen Faktoren ab: zum Beispiel gegen welche bisherigen Therapien das neue Medikament verglichen wird. Ein Zusatznutzen hat natürlich auch einen subjektiven Blickwinkel – besonders für den, der mit dem neuen Medikament behandelt wird. Fällt der Zusatznutzen gering aus, wird das Medikament nur zu einem sehr geringen Preis auf dem Markt zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnet werden dürfen. Da der deutsche Markt aber ein Indikatormarkt ist, an dem sich die Preise für ein Medikament auch in anderen Ländern weltweit orientieren, wird ein Arzneimittelhersteller ein neues Medikament in Deutschland nur dann auf den Markt bringen, wenn der Preis in Deutschland ausreichend hoch ist. Ist der Preis jedoch niedrig, so wird das Medikament in Deutschland nicht verfügbar sein, obwohl es bereits in anderen Ländern in Europa oder den USA zugelassen ist.
Ein erstes Beispiel hierfür ist das neue Diabetesmedikament Linagliptin (in vielen Ländern unter dem Namen Trajenta im Handel). „Schlecht für die Patienten“, sagen die einen, „gut für die Kosten im Gesundheitswesen“, sagen die anderen. Nun wird es Stellungnahmen und Einsprüche geben – und ich bin sehr gespannt, wie dieser Prozess zum Ende kommen wird. Ein einfacherer Weg wäre es, neue Medikamente, die einer bereits vorhandenen Wirkstoffgruppe ähneln, in einer Festbetragsgruppe zusammenzufassen, so dass die Preise ähnlicher Medikamente auch in etwa gleich sind. Dann wird nämlich der behandelnde Arzt, gemeinsam mit seinem Patienten, die Vor- und Nachteile der einzelnen Präparate einer Wirkstoffgruppe besprechen und den Patienten mit dem Präparat versorgen, das für ihn am besten geeignet ist. Ist doch einfach, oder? Aber es geht natürlich auch komplizierter …
Prof. Dr. med. Thomas Haak
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