26.05.2008 Was die "süße" Welt im Innersten zusammenhält
Mir ist aufgefallen ...
dass sich der Begriff "Individuum" wie ein roter Faden durch die 43. Jahrestagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft zog. Angefangen vom Leitmotiv des Kongresses "Unsere Verpflichtung: Diabetes verhindern – Menschen mit Diabetes als Individuen betrachten" bis zum Höhepunkt, der Verleihung der Paul-Langerhans-Medaille an den Tübinger Professor Hans-Ulrich Häring. In seiner exzellenten Vorlesung über die Entstehung des Typ-2-Diabetes warnte er eindringlich vor Verallgemeinerungen, die zu groben Typisierungen führen und das Phänomen Individuum Mensch ebenso sträflich betrachten wie das Individuum Mensch mit Diabetes.
Letztens wollte mir mein Patensohn weismachen, dass er einem seiner Lehrer den Begriff Individuum erklären musste, weil der den nicht gekannt hätte. "Da bist du reingefallen", sagte ich ihm. "Nein, Rosi, glaube mir, der ist so doof." Diese Bemerkung musste ich aus pädagogischen Gründen rügen. Aber wissen wirklich alle, was das ist: ein Individuum? Oder besser gefragt: Wissen alle, die den Begriff zu kennen glauben, was ein Individuum ist?
Ich behaupte jetzt einfach: Mein Diabetes ist ein anderer als Ihrer, ein anderer als der meines Nachbarn, ein anderer als desjenigen, der in der Schwerpunktpraxis neben mir sitzt. Unsere Gesundheitsministerin sieht das einfacher, sie sieht in uns typische Typ-2-Diabetiker, die einfach nur weniger Sahnetorte essen müssten. Tatsache, das hat sie mal gesagt im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Die Sahnetorte wird sie in Anlehnung an Udo Jürgens symbolisch gemeint haben, aber so klang der Satz hübscher, als wenn sie gesagt hätte, was sie wirklich meinte: Die sollen einfach weniger fressen. Das Sahnehäubchen verdeckt den Zynismus aber nicht.
Wir wollen jetzt nicht das auf den Kopf stellen, was wir wissen – dass es ihn gibt, den Zusammenhang von Übergewicht und Typ-2-Diabetes. Blicken wir uns um, stellen wir ja allzu oft fest: Rund und – na eben nicht gesund. Aber, so Prof. Häring, so einfach ist das nicht. Die Entstehung des Diabetes Typ 2 ist noch längst nicht erforscht. Mit einem großen interdisziplinären Forschungsteam ist er dabei, Antworten auf die vielen noch bestehenden Fragen zu finden. So spricht er – ich denke, ich höre nicht recht – von glücklichen Adipösen. Glücklich? Na, das wüsste ich aber. Er meint jedoch damit, dass es Menschen gibt, die trotz Übergewichts oder Fettleibigkeit eine ausgezeichnete Stoffwechsellage haben; nichts ist erhöht, weder Blutzucker noch Fette noch der Blutdruck – "nur" das Fett auf den Rippen. Dass man damit nicht wirklich glücklich ist, wird Prof. Häring genauso gut wissen wie alle, die gegen die überflüssigen Pfunde ankämpfen. Glücklich scheinen eher die Übergewichtigen zu sein, denen alles egal ist und die munter weiter die Sahnetorte in sich reinhauen.
Prof. Häring und seine Forscherkollegen haben schon viel von dem herausgefunden, was genetisch zum Typ-2-Diabetes führen oder ihn verhindern kann. Dennoch sind noch viele Fragen individuell offen. Deshalb verbinde ich meine Gratulation für Prof. Hans-Ulrich Häring mit dem Wunsch nach weiteren Erfolgen auf der Suche nach dem, was die "süße" Welt im Innersten zusammenhält. Auch im Interesse von Ulla Schmidt, denn Diabetes ist eine sehr teure Krankheit. Vor allem aber im Interesse des Individuums Mensch mit Diabetes