13.01.2012 Werte, verlottert

Angenommen, es ginge um Motoröl. Angenommen, ein führender Hersteller hätte das Schmiermittel jahrelang systematisch gepanscht; hätte, als der Schwindel durch massenweise explodierende Motoren aufflog, dreist behauptet: „Sorry, so ist´s Gschäft, so ist Kapitalismus“.
Was wäre passiert? Ein gewaltiges mediales und politisches Beben hätte angehoben: BILD und ADAC hätten sich zum Rächer aufgeschwungen. Autogipfel wären ausgerufen worden, wäre doch einer der wichtigsten Werte der abendländischen Kultur bedroht: Die Gesundheit des Autos. Der Motorölhersteller und seine Helfershelfer wären eingebuchtet worden, die Autohersteller hätten eiligst finanzielle Kompensation angeboten (die sie sich natürlich über den Staat zurückgeholt hätten), der selbst ernannte Autokanzler und heutige Gazprom-Vertreter hätte aus der russischen Taiga die Kanzlerin attackiert – die hätte sofort einen Rettungsschirm in Milliardenhöhe aufgespannt. Und die EU? Sie hätte sich gar nicht erst mit lumpigen Milliarden aufgehalten, sie wäre mit ihrem Schirm gleich in die Billionen gegangen, hätte als Rettungsgarant der letzten Instanz Gott den Gerechten angerufen.
Aber es geht ja gar nicht um Motoröl. Es geht um Brustimplantate. Es geht um einen windigen Unternehmer aus Frankreich, der mit systematischer krimineller Energie Hunderttausende von Frauen mit minderwertigen Silikonbrüsten ausgestopft hat; der schwere Entzündungen, möglicherweise gar Krebs, gar Todesfälle provozierte, der jahrelange Warnungen verantwortungsbewusster Ärzte in den Wind schlug und höhnte: „Ja, ich habe es absichtlich getan, so ist Kapitalismus“.
Was ist passiert? Nichts, was diesem Verbrechen angemessen ist, schließlich geht es ja nicht um die Gesundheit von Autos, sondern um die Gesundheit von Menschen. Der „Unternehmer“ darf weiter rumstänkern, darf gar von der Gründung einer neuen Firma schwadronieren, natürlich für Billigimplantate. Ein unwürdiges Geschacher hebt an. Niemand will es gewesen sein. Der wichtigtuerische deutsche TÜV ließ sich gerne an der Nase herumführen, ist nie auf die Idee gekommen, statt nur eine leicht fälschbare Zutatenliste zu zertifizieren, sich einmal ein fertiges Implantat anzuschauen. Der deutsche Lieferant des schädlichen Industriesilikons will nicht gewusst haben, wofür sein Zeugs verwendet wird – als wenn er nicht gewusst hätte, an wen er liefert.
Mit ihrem Leid bleiben die meisten Frauen allein. Mit den Kosten, den Dreck wieder rauszuoperieren auch, verfolgt von der unausgesprochenen Häme, was lassen die sich auch die Brüste vergrößern. Wenigstens den Brustkrebspatientinnen will die Kasse die Kosten ersetzen. Und die EU? Die verspricht windelweich, sich künftig Medizinprodukte genauer anzusehen.
Wenn sie dafür die Zeit hat. Denn jahrelang hat die EU mit unerbittlicher Härte Krieg gegen ein harmloses Kraut aus Südamerika geführt, mit dem seit Generationen ohne Probleme viele Hundert Millionen Südamerikaner und Japaner süßen, die Stevia. Weil diese Süße, die nicht dick macht, der Zuckerindustrie ein Dorn im Auge ist, wurden immer neue Winkelzüge erfunden, um angebliche Gesundheitsgefährdungen zu konstruieren. Dabei habe ich schon vor über fünf Jahren in „Schlemmen wie ein Diabetiker“ mit dem Düsseldorfer Biologen Prof. Hubert Kolb gezeigt, dass das Kraut absolut harmlos ist; dass es gerade für Diabetiker ein Segen ist, weil es den die Gesundheit gefährdenden Industriezucker ersetzen kann.
Nun ist Stevia endlich zugelassen, irgendwie. Weil die EU-Bürokraten plötzlich von der Weisheit geküsst wurden? Natürlich nicht, sondern weil Konzerne wie Coca Cola ihre Süßbrühen künftig mit Stevia süßen wollen, weil sie befürchten, dass ihnen ihre Dickmachbrausen demnächst verboten werden. Weshalb auch nicht die natürliche Pflanze zugelassen wurde, sondern nur der von der Industrie gewünschte Auszug, das künstliche Steviosid. Wo kämen wir hin, wenn künftig die Diabetiker mit einer Pflanze für 6,50 Euro (zu bestellen bei Rühlemanns in Horstedt bei Bremen) ihren Süßbedarf für ein Jahr decken? Die europäische Zuckerindustrie stände vor dem Aus. Schon wieder müsste Geld für Rettungsschirme gedruckt werden.
Und die Moral von der Geschicht? Geht´s ums heilig´ Blechle, stehen alle stramm. Geht´s um Gesundheit, ist niemand zuständig.
Hans Lauber
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