18.11.2011 Widersprechen Sie Ihrem Teufelchen!

Ich fühle mich gut, wenn ich mich morgens tüchtig bewege.

Kennen Sie das auch, das kleine Teufelchen, das sich so gern kutschieren lässt? Wie bequem ist es doch, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren oder zum Einkaufen. Manchmal akzeptiert der kleine Geselle noch den kurzen Weg zu Bus oder Straßenbahn – dann aber will er wieder ohne eigenen Energieaufwand zum Ziel gelangen.

Ja, auch ich kenne dieses Teufelchen. Es sagt mir, wenn es regnet: „Muss ich jetzt nass werden? Mit dem Auto kämen wir trocken ans Ziel.“ Oder: „Heute ist es aber viel zu kalt. Da kriege ich ja eine abgefrorene Nase!“ Viele weitere Argumente dieser Stimme aus dem Unterbewusstsein fallen mir ein, Ihnen wahrscheinlich auch.

Bei der Arbeit haben Kollegen, die regelmäßig oder zumindest ab und zu mit dem Rad ins Büro kommen, und ich uns immer wieder darüber unterhalten. Und irgendwann dachte ich: Die haben recht, das tut auch mir bestimmt gut – gerade weil ich eigentlich eine Nachteule bin und morgens erst einmal in Gang kommen muss.

Also habe ich das Teufelchen beiseite geschoben und es ausprobiert: Im Sommer begann ich, mit dem Rad zur Arbeit zu fahren. Das Wetter war schön, manchmal etwas zu heiß – aber ich fühlte mich gut, wenn ich mich bereits morgens tüchtig bewegt hatte und abends auch nicht nur faul herumsaß.

Eine Herausforderung war allerdings – Sie können es sich sicher schon denken: Wie reagiert mein Blutzucker auf die ungewohnte Anstrengung? Da ich morgens, anders als die meisten Typ-1-Diabetiker, ziemlich insulinempfindlich bin, reduzierte ich die Insulindosis zum Frühstück kräftig; für eine Reduktion der Basalrate in der Insulinpumpe ist die Strecke zu kurz. In der ersten Zeit klappte es noch nicht so gut: Mal fiel der Blutzucker deutlich, an anderen Tagen stieg er stark an. Und abends – nun musste ich eine ganze Strecke bergauffahren – brauchte ich mindestens drei Broteinheiten zusätzlich, um ohne Unterzuckerung zu Hause anzukommen. Inzwischen ist das alles kein Problem mehr: Mein Körper hat sich an die Radfahrt gewöhnt – die Blutzuckerwerte kann ich ganz gut steuern.

Warum ich das so ausführlich beschreibe? Ich möchte Ihnen Mut machen, Mut, dem kleinen Teufelchen zu widersprechen – „Siehst Du, mir geht es trotz Deiner Bedenken viel besser!“ – und keine Angst davor zu haben, dass der Blutzucker dadurch verrückt spielt – nach ein paar Wochen klappt das wieder. Und ich? Ich besitze inzwischen winddichte Regenkleidung, damit ich auch im Winter weiter mit dem Rad zur Arbeit kommen kann!

Die Autorin: Jana Einser hat schon seit Kindertagen Typ-1-Diabetes und schreibt für die Diabetes-Journal-Rubrik "Zum guten Schluss".

Kommentar

Hans-Jürgen Tilsner aus Oelde - 20.11.11 17:28

Sehr geehrte Frau Einser,

ich kann Ihre guten Erfahrungen z.B. mit dem Arbeitsweg per Rad aus eigener Erfahrung voll bestätigen. Als ich noch Rad fahren konnte, habe ich mit den etwa 5km morgens und abends eine zählbare Menge Insulin gespart und mich super gut gefühlt.

Seitdem sind meine Kreise durch Polio (als Kleinkind) und Folgen in den Beinen immer kleiner geworden. Fahrradfahren geht schon länger nicht mehr, und nun brauche ich auch für kurze Wege in der Nachbarschaft einen Rollstuhl. Den gesteht mir die Krankenkasse auch anstandslos zu. Aber das Handbike (Zuggerät), mit dem ich mir ohne Gehvermögen und ohne Überlastung der Schultern in diesem Rollstuhl ähnlich umfassend und für einen Typ2 entscheidend gesunde Bewegung wie mit dem Fahrrad verschaffen könnte, wird abgelehnt. Denn gehbehinderte Erwachsene müssen sich für ihre alltägliche Versorgung nur bis zu 500 Metern weit bewegen können, ganz im Gegensatz zu nichtgehbehinderten Typ2, die täglich wenigstens 30 Minuten stramm zu Fuß gehen oder Fahrrad fahren sollen.
Wer aber das Pech hat und nicht mehr gehen oder Rad fahren kann, soll sich demnach eben ins Auto setzen und für seine therapeutisch notwendige Bewegung statt an die frische Luft jeden Tag ins Fitness-Studio fahren.

Mein Fall ist nur einer von zunehmend vielen. Denn mir fallen auch in meinem Umfeld immer mehr Menschen auf, die übergangslos vom aktiven Radfahren und aktiven Gehen in die völlig passive Bewegungslosigkeit mit dem elektrischen Scooter wechseln. Den hätte meine kranke Kasse auch für mich sofort genehmigt. -
Doch ja, ich bin gerade dabei, diesem Teufelchen zu widersprechen. Aber die nachlesbaren Erfahrungen aus ähnlichen Verfahren sagen mir, dass ich in den Armen dann vielleicht schon nicht mehr ausreichend Kraft haben könnte, wenn mir am Ende eines langen Paragrafenwegs schließlich in einigen Jahren doch noch ein Handbike genehmigt wird.

Mit freundlichen Grüßen
Hans-Jürgen Tilsner

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