18.11.2010 Wunsch und Wirklichkeit

Sensationsmeldungen wecken oft große Hoffnungen – klein ist hingegen meist ihr Wahrheitsgehalt, meint Dr. Hans Langer in der Diabetes-Journal-Rubrik "Zum guten Schluss".

Sensationsmeldungen lassen mich manchmal schmunzeln. Doch oft ärgere ich mich auch darüber, weil sie bei meinen Patienten Wünsche wecken, die niemals wahr werden können.

Sensationsmeldungen wecken Hoffnungen
Eine Auswahl an Sensationsmeldungen bringt mir immer meine Lieblingspatientin mit: Frau F. ist mit ihren 68 Jahren eine sehr rüstige Rentnerin. Wenn sie wegen ihres Typ-2-Diabetes zu mir kommt, hat sie immer eine kleine Mappe dabei. Darin: Zeitungsmeldungen aus den letzten drei Monaten, die alle irgendwie mit Diabetes zu tun haben und außerdem Wünsche und Hoffnungen wecken, die sich bei genauem Hinsehen nicht realisieren lassen oder so weit weg vom klinischen Alltag sind wie der Mars vom Mond.

Keine Mahlzeit im Schlaf
Der erste Ausschnitt, den mir Frau F. hinhält, trägt die Überschrift „Schlank im Schlaf“. Hört sich gar nicht schlecht an, ist auch ganz plausibel, da man im Schlaf ja meist keine Mahlzeiten zu sich nimmt. Schaut man genauer hin, handelt es sich um eine ganz normale Reduktionsdiät, bei der man eben weniger isst als zuvor, und das natürlich nicht im Schlaf, sondern tagsüber.


Tätowierung statt Messgerät?
Die üblichen Diätempfehlungen wie „10 Kilo in zwei Wochen“ hat Frau F. mir heute erspart. Dafür hat sie eine weitere Meldung dabei mit der Überschrift: „Ihre Tätowierung misst den Blutzucker“. Und in der Tat gibt es Farbstoffe, die ihre Farbe ändern, wenn sich im Gewebe der Zuckergehalt verändert. Aber natürlich ersetzt das nicht ein viel genaueres Blutzuckermessgerät. Außerdem frage ich mich, wo Frau F. ihre Tätowierung (Einen Schmetterling? Eine Rose?) tragen würde.


Glauben und Wissen
In der Vorweihnachtszeit geht es in einem von Frau F.s Ausschnitten immer um das Thema „Zimt senkt Zucker“. In der Tat senkt Zimt den Zucker, aber erst in Mengen, die man üblicherweise nicht zu sich nimmt und natürlich auch nicht so präzise wie ein gut untersuchtes Medikament. „Ist das denn sinnvoll, Herr Dr. Langer?“, fragt Frau F. „Liebe Frau F., ich glaube nicht“, sage ich dann, denn wissen kann ich’s ja nicht, weil es zu dieser Empfehlung weder Studien noch nachvollziehbare Studienergebnisse gibt. Auch steht nicht dabei, welchen Reinheitsgrad das Zimtpulver hat, denn es ist ja ein Nahrungsergänzungsmittel, kein Medikament.

Schließlich wenden wir uns der Therapie von Frau F. zu. Dabei wird uns beiden klar: Wir haben so viele Möglichkeiten, den Typ-2-Diabetes von Frau F. gut zu behandeln, dass wir damit mehr erreichen, als die Sensationsmeldungen versprechen. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt: Beim nächsten Besuch wird Frau F. ihre Mappe wieder dabeihaben.

Der Autor: Dr. Hans Langer arbeitet als Arzt in einer Diabetesklinik und schreibt für die Diabetes-Journal-Rubrik "Zum guten Schluss".


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