01.12.2011 Wursteln statt wirbeln

Hoffnungsfroh startete ich vor einem Jahr ein ambitioniertes Projekt: „Das Diabetes-Manifest“. Darin fasste ich zusammen, was der Einzelne tun muss, um seinen durch einen falschen Lebensstil außer Kontrolle geratenen „Zucker“ zu zähmen. Darin formulierte ich auch als Erster in zehn Thesen, was die Gesellschaft tun muss, um endlich präventiv zu werden, um endlich die Diabetes-Lawine zu stoppen, die unser Gesundheitssystem bedroht.
Ein Masterplan ist das. Ein Masterplan, der zeigt, dass es keine „Wunderschritte“ gibt, welche wie von Zauberhand den Diabetes besiegen, sondern viele einzelne Schritte, die aber im Ganzen extrem wirksam wären. Die dick machende Lebensmittel-Industrie prangere ich an. Die Kinder zur Bewegungsunlust verführende Medienwelt attackiere ich – plädiere für Fett- und Inaktivitätssteuern. Die Ärzte fordere ich auf, präventiv zu handeln, nicht so schnell Insulin zu verschreiben; den Kassen werfe ich kurzsichtiges Handeln vor.
Eine dicke Klatsche ist das – und natürlich hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Was ich als Medien-Mann nicht anders erwartet hatte. Trotzdem hat mich dann doch gewundert, dass gar keine Zeitung, kein Magazin, keines der vielen Diabetes-Foren, keine der vielen TV-Sendungen das Thema aufgegriffen hat. Sicher, das Manifest ist umfangreich, ist komplex – und die Medien hätten´s gerne eindimensionaler, und sie müssen auch auf die Interessen der Anzeigenkunden achten.
Aber die öffentlich-rechtlichen Sender, die doch angeblich einen „Grundversorgungsauftrag“ haben? Den befriedigen sie auch, indem sie etwa monatelang ein Schmierentheater veranstalten um die Nachfolge von Thomas Gottschalk, der ungehindert für dick machende Gummibärchen werben darf.
Einen neuen Präventions-Anlauf unternahm ich kürzlich, hatte ein ausführliches Gespräch mit der Deutschen Diabetes-Stiftung (DDS): Nämlich mit Prof. Dr. med. Rüdiger Landgraf, dem Vorsitzenden des Kuratoriums, und mit Reinhart Hoffmann, dem Beauftragten des DDS-Vorstands. Erfreulicherweise fand ich für viele meiner „Manifest-Thesen“ eine Bestätigung durch die renommierten Experten.
„Diabetes hat keine Lobby“, das ist kurz und bündig das Fazit des Gesprächs. Denn Prävention wirkt nur langfristig, das Gesundheitssystem und die Politik denken aber nur noch nach dem Motto: Nach uns die Sintflut. So geben die Krankenkassen praktisch kein Geld für Prävention aus, und auch die von vielen gepriesenen Disease Management-Programme haben nur eine begrenzte Wirkung, fördern in Teilen sogar die teure medikamentöse Behandlung. Erstaunlich offen die Forderung der DDS-Experten nach der so wichtigen Lebensmittel-„Ampel“, nach Steuern auf Süßes und Fettes.
Über 36 Milliarden Euro ließen sich pro Jahr allein in Deutschland sparen, würde wirklich präventiv gehandelt. So lautet das Fazit einer Berechnung durch die Stiftung, wo davon ausgegangen wird, dass bis zu vier Millionen Typ-2-Diabetiker effektiv die Lebensstiländerungen angehen könnten – wenn sie denn dazu angehalten würden. Wobei ein Großteil der Einsparungen auf nicht auftretende Folgeerkrankungen wie Infarkte, Nierenschäden entfällt. Nicht zu vergessen: Unermesslich viel menschliches Leid ließe sich verhindern!
Kaum öffentliche Reaktionen hatte ich auch auf dieses Gespräch, das ich prominent auf meine Website gestellt habe. Redakteure eines Nachrichtenmagazins meinten: „Kennen wir schon“. Mag sein als einzelne Punkte, aber ganz sicher nicht in diesem integralen Zusammenhang, gekoppelt mit einem Maßnahmenpaket. Immerhin schrieb mir ein renommierterDiabetologe: „Die Beiden sprechen mir aus der Seele“. Und Nicole Mattig-Fabian, Geschäftsführerin von diabetesDE, gratulierte: „Schönes Interview“. Danke!
Was ich vermisse, ist ein Denken des Aufbruchs. Ist ein Wirbeln auf breiter Front, um den Diabetes endlich auch als Chance zu sehen. Um zu sehen, dass die Diagnose Diabetes nicht die Therapie lebenslange Askese zur Folge hat. Schön zu besichtigen war das bei meiner „Kochshow“ auf der „diabetestour“ in Nürnberg. „Wo gibt es eine Diabetes-Küche mit Currywurst?“ fragte mein Koch Uwe Steiniger zu recht. Wer meine „Hanswurst“ mit Bockshornklee und Stevia-raffiniertem Ketchup einmal probiert hat, bedauert es fast, kein Diabetiker zu sein.
Also, wird bald Schluss sein mit dem Weiterwursteln, wird bald das große Wirbeln beginnen? Wohl nicht, dafür ist der Leidensdruck noch nicht groß genug. Es wird weiter nach dem Motto des Kölner Karnevals gehandelt werden „Et hätno immer jootjegange“. Wobei es in der Domstadt auch dann wieder „gut gegangen“ ist, wenn es wieder mal schlecht gegangen ist.
Wo wir gerade in Köln sind: Da möchte ich Ihnen noch einen ganz besonderen Weihnachtsmarkt ans Herz legen: Den Weihnachtsmarkt auf dem Roncalliplatz beim prächtigen Dom – überragt von einer über 20 Meter hohen, herrlich illuminierten Tanne aus dem nahen Sauerland.
![]() | Lichterglanz unterm Kölner Dom.
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Sorgfältig ausgesuchte, ansprechend dekorierte Buden zeigen, dass sich Qualität und Weihnachtsstimmung nicht ausschließen müssen. Es wird sehr viel edles, aber bezahlbares selbst Gemachtes ausgestellt, etwa filigrane Goldschmiedearbeiten und schönes Holzspielzeug. Besonders angetan bin ich vom Speiseangebot, wo ein durchweg hohes Niveau herrscht, etwa echte Würste von der Kölner Naturmetzgerei „Hennes“ oder ein ausgezeichneter, Muskat gewürzter Spinatstrudel. Fein, das wenig süße Gewürzbrot aus einer Biobäckerei.
Auch das Nationalgetränk Kölsch gibt es auf dem Markt. Aber da empfehle ich Ihnen die nahe Traditionsbrauerei „Früh“ – und da den Stehbereich „Schlauch“ beim Eingang, wo das kühle Nass aus großen Holzfässern gezapft wird. Spätestens nach dem dritten Kölsch denken Sie, was alle denken: Morgen werden wir präventiv. Prost!
![]() | Prävention zum Anbeißen: Natürliches Gewürzbrot.
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