Die Ergebnisse der Leser-Umfrage zur Blutzucker-Selbstkontrolle

Ein Kommentar von Priv.-Doz. Dr. Bernd Kulzer

Priv.-Doz. Dr. Bernd Kulzer

Wollen wir das wirklich?

Wiederholt sich die Geschichte? Als 1965 mit „Dextrosit“ der erste Teststreifen zur Blutzuckerselbstbestimmung vor seiner Markteinführung stand und zeitgleich die Firma Boehringer Mannheim in Deutschland den „Haemoglukotest“ entwickelte, warnten die meisten Diabetologen drastisch vor einer Selbsttestung durch Menschen mit Diabetes und waren mehrheitlich strikt dagegen.

Die Patienten waren jedoch von dieser neuen Möglichkeit, den Blutzuckerspiegel selbst bestimmen zu können, begeistert und trugen maßgeblich zu dem Erfolg der Blutzuckerselbstkontrollmethode bei.

Die Patienten sind von der Sinnhaftigkeit der Blutzuckermessung überzeugt
Ältere Diabetiker erinnern sich vielleicht noch daran, dass sie vorher regelmäßig zur Blutzuckermessung nüchtern zu ihrem Arzt gehen mussten. Kommt die Rolle rückwärts? Auch heute – das zeigt die Umfrage eindeutig – sind die Patienten von der Sinnhaftigkeit und Bedeutsamkeit der Blutzuckermessung überzeugt.

Diesmal sind es jedoch weniger die Ärzte, die die Blutzuckermessung in Frage stellen, sondern vielmehr Gesundheitspolitiker, die vor allem Kosten einsparen möchten. Denn machen wir uns nichts vor: Nur wegen der Kosten, und nicht wegen der wissenschaftlichen Evidenz der Blutzuckerselbstkontrolle ist die Erstattungsfähigkeit der Teststreifen ins Fadenkreuz des „Gemeinsamen Bundesausschusses“ (G-BA) geraten.

Verhältnissen wie vor 40 Jahren
Setzt der G-BA seine Beschlussvorlage durch, so könnte es zu Verhältnissen wie vor 40 Jahren kommen. Der Patient würde mangels gemessener Werte kein Tagebuch mehr führen, sodass eine wichtige Gesprächsgrundlage mit dem Arzt fehlen würde.

Er müsste wie früher seinen Blutzucker beim Arzt bestimmen lassen und einmal im Vierteljahr den HbA1c-Wert messen lassen. Danach würde er in der Regel erneut einbestellt werden, damit das Ergebnis besprochen wird, da die meisten Praxen den HbA1c-Wert nicht sofort bestimmen können.

Bei dem Verdacht auf eine Unterzuckerung oder beim Autofahren müsste sich der Patient eben wie früher – als es noch keine Teststreifen gab – selbst helfen. Und wenn er sich den privaten Kauf der Teststreifen nicht leisten kann, dann kann man eben nur auf die Selbstverantwortung des Patienten für sein Leben verweisen. Wollen wir das wirklich? Sparen wir hier nicht am völlig falschen Ort?

Negative Auswirkungen auf das Selbstmanagement des Patienten
Ich befürchte, dass eine Entscheidung entsprechend der Beschlussvorlage des G-BA unser Gesundheitssystem langfristig teuer zu stehen kommt und auch weitreichende, negative Auswirkungen auf das Selbstmanagement, Empowerment des Patienten hat.

Noch ist es Zeit, bessere Lösungen zu finden. Wäre es nicht besser, statt einer Entscheidung „hopp oder topp“ zu definieren, welche Patienten (zum Beispiel alle, die besonders unterzuckerungsgefährdet sind), in welcher Phase des Diabetes (zum Beispiel unbedingt während der Schulung) und für welche besonderen Situationen (zum Beispiel Autofahren bei Berufskraftfahrer) welche Anzahl von Teststreifen benötigen? Und wer sagt denn, dass der Preis der Teststreifen nicht flächendeckend durch Rabattverträge auch gesenkt werden könnte?

Priv.-Doz. Dr. Bernd Kulzer

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