02.02.10 "spiegel online", "Monitor": Sieg der Pharma-Lobby

Die Berichterstattung einiger Publikumsmedien wirft mehrere Fragen auf, meint Günter Nuber.

spiegel online schreibt am 7. Januar: "IQWiG-Chef unter Beschuss – Ärzte machen sich für kritischen Arzneimittelprüfer stark". Berichtet wird über eine Unterschriftensammlung, in der 600 Ärzte für den IQWiG-Leiter und dessen Weiterbeschäftigung Stimmung machen. Peter Sawicki, so spiegel online, sei der Pharma-Industrie schon lange ein Dorn im Auge, nun arbeite die schwarz-gelbe Koalition an seiner Ablösung (wir berichteten). Und: Der scharfe Kritiker der Pharma-Industrie "sorgt kompromisslos dafür, dass bei den Bewertungen strenge wissenschaftliche Regeln eingehalten werden".

Sieg der Pharma-Lobby
Am selben Tag berichtet Monitor im ARD-Fernsehen über den "Sieg der Pharma-Lobby: Aus für den Pillen-TÜV?„ Auch hier geht es um Sawicki und dessen mögliche Ablösung im Jahr 2010 – "ein Angriff auf die Unabhängigkeit des Instituts", heißt es. Die wichtige Arbeit des IQWiG wird dargestellt am Beispiel der "sogenannten Insulin-Analoga zur Behandlung von Diabetikern" – teure Medikamente ohne nachgewiesenen Nutzen, stellte das IQWiG fest. Monitor weiter: "Es geht um die Frage, ob die Pharma-Industrie auch weiterhin mit möglicherweise nutzlosen Medikamenten Milliardengewinne zu Lasten von Patienten und Versicherten machen darf."

Schon wieder IQWIG?!
"Schon wieder", höre ich Sie, liebe Leser, sagen, "schon wieder das Thema mit dieser komischen Abkürzung und mit diesem ... wie heißt der noch mal?!" Uns geht es im Grunde genauso, man kann die Buchstaben IQWiG nicht mehr sehen und mag dessen Leiter Sawicki nicht mehr hören.
Und trotzdem, aus meinem Blickwinkel müssen die Fakten auf den Tisch: An einem Tag zweimal Sawicki in den streitbaren Publikumsmedien mit demselben Tenor; beide Male ungeschminkte Stellungnahme für den einsamen Streiter wider die Pharma-Industrie; beide Male unverblümte Parteinahme der berichtenden Journalisten pro Institutsleiter und gegen die Pharmaindustrie.

Hunderttausende Betroffene wettern...
Worüber nicht berichtet worden ist: Medizinische Fachgesellschaften liegen mit den Ergebnissen des IQWiG überquer – zum Beispiel die Fachgesellschaften der Krebs- und der Diabetesärzte und -therapeuten. Und vor allem: Hunderttausende Betroffene und deren Interessenvertreter wie der Deutsche Diabetiker Bund wettern gegen Sawicki. Hier geht es nicht um Lobbyarbeit, hier geht es um die tägliche Insulin-Therapie beispielsweise eines Kindes mit Diabetes, das mit Analog-Insulinen viel besser zurechtkommt und weniger Unterzuckerungen hat. – Kein Wort hiervon in Monitor und spiegel online.

100 unfähige Mitarbeiter?
Es gibt in der Sache nun mehrere Fragen: Wie kann ein "scharfer Kritiker der Pharmaindustrie" strenge wissenschaftliche Regeln einhalten? Jemand in Sawickis Position sollte wohl unvoreingenommen in alle Richtungen sein.
Wieso bedeutet es das "Aus für den Pillen-TÜV", wenn das IQWiG irgendwann einen neuen Leiter haben sollte? Sind die 100 anderen Mitarbeiter unfähig?
Wieso sparen die Publikumsmedien Informationen bewusst aus – wie die vehemente Kritik an verschiedenen IQWiG-Berichten von Ärzte- und Patientenseite?

Woran man gute Journalisten erkennt
Und: Wie kommt es, dass am selben Tag mehrere politische Medien über Sawickis Job bzw. dessen Gefährdung berichten und Partei für ihn nehmen? Sawicki hat offensichtlich gute Kontakte in die Medien; und "Pharmakritik" hat traditionell hohen Nachrichtenwert unter Journalisten. Trotzdem gilt, was der große Tagesthemen-Moderator Hanns Joachim Friedrichs (†) sagte: "Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache ..."

Günter Nuber
Chefredakteur Diabetes-Journal

Kommentar

Helmut Wahl aus Hannover - 16.02.10 21:57

Das IQWIG und an deren Spitze Dr. Sawicki hat den erteilten Auftrag der Kostenkürzung - um jeden Preis - mit Konsequenz verfolgt. Nicht das Gremium hat falsch gehandelt, sondern die beauftragende Politik hat die (für die Betroffenen) falschen Ziele oder die falschen Prioritäten gesetzt. Sonst hätte das Thema Analoginsuline anders behandelt werden müssen, nämlich im Sinne der Reduzierung der Materialkosten. Warum sollten die Ananloginsuline nicht Standard sein für Kinder und Berufstätige und damit als Massenprodukt billigere Variante des Bolus-Insulins? Für diese Gruppen kann nach eigenen Erfahrungen (Typ-2 und IT-Branche) nur ein Analog-Insulin sinnvoll sein. Wieso sind Medikamente eigentlich im Ausland so günstig?
Unser neuer Gesundheitsministers zeigt auch keine Ambitionen, das System auch nur zu durchleuchten. Er wird auch nur einen weiteren Versuch à la Schmidt vornehmen. Viel Schaum um nichts.

Uwe Ehlers aus Fürth - 11.02.10 19:09


Statt eines IQWIG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) sollte man meiner Meinung nach lieber eine Kommission zur Festlegung von Medikamentenpreisen in Deutschland etablieren.

Diese Kommission sollte mit den Herstellern von Medikamenten und Hilfsmitteln (z.B. Insulin und Teststreifen) die Preise für den Verbraucher aushandeln und definitiv festschreiben.

Auf diese Weise können die Ausgaben der Gesetzlichen Krankenkassen erheblich reduziert werden und den Pharma-Herstellen bei der "freien" Gestaltung ihrer Verkaufspreise Einhalt geboten werden.

Um dies zu erreichen, könnten z.B. unsere Diabetes Organisationen wie z.B. der Deutsche Diabetiker Bund (DDB) und diabetesDE gemeinsam einen Antrag an die Bundesregierung stellen.

Hier sehe ich unbedingt Handlungsbedarf bei unserer Regierung, zumal in anderen europäischen Ländern Verhandlungen bezüglich der Medikamentenpreise mit der Pharma-Industrie schon lange mit Erfolg betrieben werden. Man braucht nur die Verkaufspreise in den verschiedenen Ländern Europas mit denen in Deutschland vergleichen. Die Preisabschläge sind enorm.

Also: Warum ist das in Deutschland nicht möglich?

Hans-Jürgen Tilsner aus Oelde - 03.02.10 10:20

Das IQWiG hat noch immer an erster Stelle die Aufgabe, die durchschnittlichen Ausgaben der kranken Kassen pro durchschnittliche Behandlung in den nächsten 10 Jahren auf 1 Viertel des heutigen Standes und weniger zu senken, und zwar sogenannt sozialverträglich. Das heißt, es darf uns Versicherten in unserer Mehrheit nie auffallen, dass uns was weggenommen oder weniger gegeben wird. Sondern es muss für die Mehrheit immer wie Fortschritt aussehen.

Das hat Dr. Sawicki eigentlich super drauf gehabt, wie die Medienäußerungen zu seinen Gunsten belegen. Denn Spiegel & Co hatten ihm ja für die deutsche Michelmehrheit aus der Hand gefressen, dass die Analoginsuline nur für die Pharmas und für die fresssüchtigen Typ2er gut waren. Deswegen hat das Spiel mit den Autoabrechnungen in meinen Augen die Qualität dieser neumodschen Bagatell-Kündigungen, die hier vielleicht Machtspielereien auf höheren Hintergrundebenen kaschieren sollen.

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