21.04.2010 IQWiG: Kein Zusatznutzen von langwirksamen Analoga bei Typ 1

Menschen mit Typ-1-Diabetes haben keinen Zusatznutzen, wenn sie langwirksame Insulinanaloga (Levemir und Lantus) verwenden – diese Meinung vertritt das IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) in seinem am 19.04.2010 veröffentlichten Abschlussbericht. Zu einem ganz ähnlichen Ergebnis war das IQWiG in Bezug auf kurzwirksame Insulinanaloga gekommen.
Verordnungsausschluss für Analog droht
Menschen mit Typ-1-Diabetes könnten also durchaus Humaninsulin verwenden und von Analog- auf Humaninsulin umgestellt werden, meint das IQWiG. Schließt sich der G-BA (Gemeinsamer Bundesausschuss) diese Meinung an, könnte es für die Analoga in Zukunft einen Verordnungsausschluss geben. Menschen mit Typ-1-Diabetes, die Insulinanaloga verwenden, würden, von Ausnahmen abgesehen, auf Humaninsulin eingestellt. So könnte das Geld für die teureren Analoga eingespart werden – oder die Firmen, die die Analoginsuline herstellen, senken ihre Preise auf das Humaninsulin-Niveau.
So bewertet das IQWiG die langwirksamen Insulinanaloga
Das IQWiG begründet sein Ergebnis damit, dass kaum versorgungsrelevante Studien verfügbar und die Langzeitsicherheit der Insulinanaloga unklar sei. Zudem kritisiert das IQWiG, dass seiner Meinung nach Humaninsulin in den Studien nicht optimal eingesetzt wurde, dass es in den Studien keine Aussagen zu Folgekomplikationen gebe und dass die Analoga keine Vorteile bei schweren Unterzuckerungen böten.
Hier die Pressemitteilung des IQWiG im Wortlaut:
Langwirksame Insulinanaloga bei Typ-1-Diabetes: Keine Belege für Zusatznutzen im Vergleich zu Humaninsulin
Kaum versorgungsrelevante Studien verfügbar / Langzeitsicherheit der Insulinanaloga unklar
Derzeit gibt es keine Belege, dass die zur Behandlung des Typ-1-Diabetes zugelassenen Wirkstoffe Detemir (Handelsname: Levemir) und Glargin (Handelsname: Lantus) Patientinnen und Patienten einen Zusatznutzen gegenüber langwirksamem Humaninsulin bieten. Für Erwachsene gilt dies ebenso wie für Kinder und Jugendliche. Zu diesem Ergebnis kommt der am 19. April 2010 veröffentlichte Abschlussbericht des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).
Der Abschlussbericht ist der letzte Teil eines umfassenden Auftragspakets des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), mit dem wichtige Therapiemöglichkeiten für Menschen mit Diabetes mellitus bewertet werden sollen. Bereits abgeschlossen waren zuvor die Expertisen zu kurzwirksamen Insulinanaloga bei Diabetes mellitus Typ 1 und Typ 2 sowie zu langwirksamen Insulinanaloga bei Diabetes mellitus Typ 2.
Nur eine Studie mit Laufzeit von 24 Monaten
Für die Bewertung der langwirksamen Analoginsuline haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach Studien gesucht, die entweder einen der beiden zur Behandlung des Typ-1-Diabetes derzeit zugelassenen Analog-Wirkstoffe (Insulin Glargin und Insulin Detemir) mit Humaninsulin vergleichen oder den Nutzen der beiden Analoga gegeneinander abwägen.
Sie fanden insgesamt 12 Studien, die für diese Nutzenbewertung bei Erwachsenen geeignet waren. Davon waren 2 Studien bislang noch unpubliziert. Für die Behandlung bei Kindern und Jugendlichen wurden weitere 5 Studien identifiziert, wovon 2 Studien nicht öffentlich zugänglich waren. Die Hersteller (Sanofi-Aventis, Novo Nordisk) stellten dem IQWiG jedoch die nötigen
Humaninsulin in Studien häufig nicht optimal eingesetzt
Wie die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zudem feststellten, waren die Therapieschemata in den einzelnen Studien verschieden. So variierte insbesondere die Häufigkeit, mit der die Insuline gespritzt wurden. Auffällig war, dass den Patienten vor allem für die Verwendung von verzögertem Humaninsulin Vorgaben gemacht wurden, die sie daran hinderten das Insulin so
Keine Aussagen zu Folgekomplikationen und Sterblichkeit möglich
Aufgrund der überwiegend kurzen Laufzeiten und der kleinen Patientenzahl in den vorliegenden Studien sind Aussagen zu den Auswirkungen der Insulinanaloga auf diabetische Folgekomplikationen, die Sterblichkeit und die Langzeitsicherheit nicht möglich.
Bei Insulin Glargin (Lantus) wird international kontrovers diskutiert, ob dieses Arzneimittel das Wachstum von Krebszellen fördern könnte. Experimentelle
Keine Vorteile bei schweren Unterzuckerungen
Was die Aspekte Lebensqualität und Therapiezufriedenheit betrifft, lässt sich keine Überlegenheit von Insulin Glargin oder Insulin Detemir gegenüber Humaninsulin ableiten. In einigen klinischen Vergleichen zeigten sich keine relevanten Unterschiede. In anderen gab es zwar Unterschiede, diese waren aufgrund methodischer Mängel der Studien aber nicht zuverlässig interpretierbar. Problematisch war insbesondere wiederum, dass die Patienten, die Humaninsulin erhielten, häufig nicht individuell optimal behandelt wurden.
Gleiches gilt für die Zielgröße Unterzuckerungen unter Berücksichtigung der langfristigen Blutzuckersenkung (HbA1c-Wert). Zwar gibt es eine Studie mit Erwachsenen, in der unter Insulin Detemir weniger schwere Hypoglykämien auftraten als unter Humaninsulin. Auch in dieser Studie wurde Humaninsulin jedoch nicht so eingesetzt, wie es in Deutschland für eine optimierte Behandlung üblich ist. Der in der Studie beobachtete Unterschied könnte somit durch eine Benachteiligung der mit Humaninsulin behandelten Patienten verursacht sein, weshalb er nicht als Beleg für einen Zusatznutzen des Insulins Detemir gelten kann.
Zum Ablauf der Berichtserstellung
Die vorläufigen Ergebnisse, den sogenannten Vorbericht, hatte das IQWiG Anfang Juli 2009 veröffentlicht und zur Diskussion gestellt. Nach dem Ende des Stellungnahme-verfahrens wurde der Vorbericht überarbeitet und als Abschlussbericht Ende Februar 2010 an den Auftraggeber versandt. Eine Dokumentation der schriftlichen Stellungnahmen sowie ein Protokoll der mündlichen Erörterung werden in einem eigenen Dokument zeitgleich mit dem Abschlussbericht publiziert. Der Bericht wurde gemeinsam mit externen Sachverständigen erstellt.
Quelle: Pressemitteilung des IQWiG vom 19. April 2010
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