30.06.2009 Was der Spiegel so schreibt ...

Diabetes-Journal in der „Spiegel“-Kritik
„Insulinanalogon Glargin steigert möglicherweise das Krebsrisiko“, schreibt das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheistwesen“ (IQWiG) in seiner Pressemitteilung vom 26. Juni 2009. „Lantus unter Verdacht“ hieß es in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 27. Juni und „Dünger für Krebszellen“ im „Spiegel“ vom 29. Juni 2009.
Aktuelle internationale Studien werden zitiert, deren Ergebnisse am vergangenen Wochenende bekannt geworden sind – sie werden in dieser Woche in der internationalen Fachzeitschrift „Diabetologia“ veröffentlicht. Es geht um das Analoginsulin „Lantus“ (Firma sanofi-aventis), dessen Wirkstoff Insulin Glargin im Verdacht steht, bei den Anwendern das Krebswachstum zu fördern. Wer Diabetes hat und anstelle von Humaninsulin das langwirksame Analoginsulin Glargin verwendet, erhöhe womöglich sein Krebsrisiko, heißt es.
Der Spiegel dazu:
„Unter Fachleuten steht dieser Verdacht für Lantus seit mindestens neun Jahren im Raum“, denn zeitgleich zur Lantus-Markteinführung im Jahr 2000 seien auch Daten bekannt geworden, „dass der Lantus-Wirkstoff das Wachstum von Krebszellen anheizen kann“.
Weiter heißt es im Spiegel: „Doch wer über den Verdacht berichten wollte, machte sich die wortgewaltigen Diabetes-Experten schnell zum Feind. Als das ARD-Magazin ‚Fakt‘ im Jahr 2004 über den Krebsverdacht informierte, herrschte Aufruhr: ‚Seit Tagen stehen die Telefone nicht still, und Massen an E-Mails erreichen uns‘, klagten der Vorsitzende des Deutschen Diabetiker Bundes, Volker Krempel, und der Verleger der Zeitschrift ‚Diabetes-Journal‘, Manuel Ickrath, in einem gemeinsamen Brief an ARD-Chef Günter Struve. ‚Verunsicherte Mütter und Väter rufen an und haben Angst um das Wohl ihrer Kinder. Männer melden sich bei uns und fragen, ob sie denn nun Krebs bekommen würden, da sie seit Jahren Insulin-Analoga spritzen. Es ist unerträglich.‘“
Und weiter: „Wacker verteidigen Krempel und Ickrath die teuren Medikamente ihrer Klientel. (...) Die Studie von Kurtzhals war damals schon vier Jahre alt. Im ‚Diabetes-Journal‘ aber stand: ‚Falls Sie oder ein Angehöriger ein künstlich hergestelltes Insulin spritzen, ein Analogon also, dann sollten Sie nicht beunruhigt sein – dafür gibt es keinen Anlass.‘“
Richtig ist: Das ARD-Magazin „FAKT“ zeigte am 16. Februar 2004 zwei Patienten vor der Kamera; beide hatten Diabetes, der eine zusätzlich Prostatakrebs, der andere klagte über den Verlust seiner Sehkraft und über einen diabetischen Fuß. Und beide, so der damalige FAKT-Autor Andreas Rummel, verwendeten ein Analoginsulin -„schon seit 1999“, hieß es.
Im Jahr 1999 gab es in Deutschland aber nur ein einziges Analoginsulin, nämlich das schnellwirksame „Humalog“ der Firma Eli Lilly. – In dem damaligen FAKT-Filmbeitrag (und somit auch nicht in dem Ickrath/Krempel-Brief an den ARD-Intendanten) ging es also nicht um langwirksame Analoginsuline und nicht um Lantus. Sondern offensichtlich um das einzige damals in Deutschland erhältliche Analoginsulin Humalog mit dem Wirkstoff „Lispro“, es ist kurz wirksam und seit 1996 in Deutschland auf dem Markt.
In der aktuellen IQWiG-Pressemitteilung vom 26. Juni 2009 heißt es hinsichtlich des Krebsrisikos: „Für die kurzwirksamen Insulinanaloga Lispro und Aspart fand sich kein Unterschied zu Humaninsulin.“
Krempel und Ickrath verteidigten damals nicht „die teuren Medikamente ihrer Klientel“, sondern, dass man unreflektiert Diabetesfolgeerkrankungen wie Retinopathie und diabetischer Fuß mit bestimmten Therapiearten zusammengeworfen hatte – und dass ohne neue Studienergebnisse (beispielsweise zu Humalog) hunderttausenden Diabetikern in Deutschland suggeriert worden ist, dass Analoginsuline offenbar Prostatakrebs erzeugen.
Der Brief von Krempel und Ickrath wird durch das IQWiG nun auch bestätigt: „Für die kurzwirksamen Insulinanaloga Lispro und Aspart fand sich kein Unterschied zu Humaninsulin.“ Diese wichtige Information hat der Spiegel seinen Lesern geflissentlich verschwiegen. Stattdessen verwechselt der Spiegel Wirkstoffe, Typ-1- und Typ-2-Präparate und hinterläßt verunsicherte und besorgte Patienten. Mit seriösem und verantwortungsvollem Journalismus hat das alles wenig zu tun.
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